belonging

2024

Ein Projekt zum Thema Herkunft und Nationalität

Unsere Geschichte schreibt sich fort, von Generation zu Generation. Unsere Wurzeln sind ein Teil von uns und das Gefühl dazu wandelt sich, verändert sich, wird zu etwas Eigenem. Auch unsere Geschichte hat sich fortgeschrieben. Die Schwierigkeiten und die Sehnsucht der Großmutter wurde zur Identitätsfrage der Tochter wurde zu einem „was wäre gewesen, wenn…“ des Enkels. Über wie viele Generationen hinweg sind die Wurzeln spürbar und welche persönlichen Geschichten erscheinen daraus? Wie lange dauert es, um die Sehnsucht zu verwandeln, umzuschreiben in etwas „Anderes“?

Dieses Projekt hat uns, Mutter und Sohn, Carlo und Giuseppina Tragni, die Möglichkeit gegeben, diesen und auch anderen Fragen über die Herkunft und der Frage nach Nationalität nachzugehen. Elf Menschen zwischen 18 und 32 Jahren aus Spanien, Portugal, Rumänien, Italien, Griechenland, Schweiz und aus dem Kosovo haben uns ihre Perspektive geschenkt. Sie haben uns in Interviews erzählt, inwiefern das Herkunftsland für sie relevant ist. Sie schenkten uns ihre Geschichten.

» Wenn man so ein Kind von Migranten ist, dann ist man immer in diesem Limbo, in diesem weder noch oder doch, nicht ganz, aber ja, irgendwie, ja schon.«

Zitat Sajra Tyrbedari

Die Idee zu diesem Projekt entstand im Wohnzimmer. Wir unterhielten uns darüber, was es für uns, Tochter und Enkelsohn von aus Italien kommenden Gastarbeiter:innen jeweils bedeutet, bi-kulturell aufgewachsen zu sein. Wir stellten fest, dass es trotz der gleichen Herkunftsgeschichte enorme Unterschiede in unserem individuellen Erleben gab. Wir fragten uns, inwiefern sich das Erleben und letztendlich die Identifikation von Herkunft und Nationalität innerhalb der Generationen gewandelt hat und beschlossen, ein Projekt zu machen – belonging.

Wie relevant ist das Herkunftsland der Eltern und Großeltern für junge Menschen? Spielt Nationalität noch eine Rolle? Ist es nach 30 Jahren Gründung der EU noch wichtig, sich innerhalb von Europa über die Nationalität zu definieren? Gibt es sowas wie eine „europäische Identität in der Generation Z und Y? Diesen Fragen sind wir als zweiköpfiges Team nachgegangen und haben elf junge Menschen dazu befragt und porträtiert. Zwischen Juni und Juli trafen wir uns mit den Teilnehmer:innen einzeln zu einem Gespräch. Wir saßen in Parks, im Garten der Eltern, im Haus der Großeltern, im Jungbusch, auf dem Feld oder bei Ihnen zuhause. Es waren innige Gespräche, spannend und individuell – persönlich. Im Anschluss an das Interview wählten wir ein Setting und einen Ort, an dem wir diese individuelle Geschichte mit den Mitteln der analogen Fotografie festhalten konnten.

» Ländergrenzen teilen für mich die Gesellschaft entzwei und dass Europa früher Grenzen hatte, ist für mich unvorstellbar.«

Zitat Maja Stadler, 23 Jahre

» Sorry, du bist nicht temperamentvoll genug. Zu diszipliniert! Ich dachte, da kommt eine Portugiesin und hatte mich darauf gefreut! «

Zitat Vanessa Silva, 24 Jahre

» In Italien bin ich nicht italienisch genug, in Spanien nicht spanisch genug und in Deutschland nicht deutsch genug. «

Zitat Lina Maria Biundo Dominguez, 23 Jahre

Der Rest war Fleißarbeit. Aus den teilweise 20 – 30 Seiten langen Interviews schrieb ich ein Essay von jeder Person und Carlo wählte die Fotos für die Ausstellung aus. Er entwarf elf Exponate in A0 Format, gefüllt mit Bildern und der persönlichen Geschichte, die vom 27.09.2024 bis zum 10.11.2024 im Restaurant zuHaus in Ludwigshafen zu sehen waren. Im Februar 2025 war die Ausstellung auf dem Festival Winterwerft in Frankfurt zu sehen. Und wir – sind sehr glücklich, dieses Projekt gemacht zu haben. Und dankbar für das Vertrauen, das uns entgegengebracht wurde! Gerade in diesen Zeiten sind solche Projekte wichtig, denn sie erzählen von der Vielfalt der Menschen und dessen Geschichten, die wir durch belonging sichtbar machen und miteinander teilen durften.


Wir danken von Herzen Diana Andreea Vlad, Sajra Tyrbedari, Maja Stadler, Vanessa Silva, Lorenzo Ponteprimo, Cecilia Ponteprimo, Lumturije Murseli, Linda Libori, Eliana Catte, Lina Maria Biundo Dominguez und Georgia Begbie.

Ein Projekt von Carlo Tragni (Fotograf) & Giuseppina Tragni (Theatermacherin). Gefördert vom Kultursommer Rheinland Pfalz und dem Kulturbüro Ludwigshafen. In Kooperation mit dem Kulturzentrum dasHaus in Ludwigshafen.

» Jedes Blatt eine Geschichte, wie aus einem großen Buch voller Momentaufnahmen. Liebevoll und künstlerisch stark porträtiert die Ausstellung junge Menschen und deren Geschichten, animiert zum Nachdenken und Einfühlen und de-konstruiert dabei so ganz nebenbei nationale Zugehörigkeit. «

Zitat einer Besucherin

Auszüge aus der Ausstellung:

Die Sache ist, ich sehe nicht typisch „albanisch“ aus. Deswegen sind die Leute oft verwirrt, wenn ich sage, dass ich aus dem Kosovo bin. Zum einen bin ich riesig und ich habe einen Afro. Mein Name ist ein Zungenbrecher. In der Schule habe ich versucht, nicht negativ aufzufallen, den Regeln zu folgen, mich immer respektvoll zu verhalten und keine dummen Sachen zu machen. Ich habe etwas „strengere“ Eltern und bin damit konfrontiert, weiter zu kommen, mich zu beweisen und den Traum meiner Eltern zu erfüllen, indem ich ein Studium abschließe, einen guten Beruf lerne und gut Geld verdiene. Die Kultur, mit der ich zuhause aufgewachsen bin ist anders als die Kultur des Landes, indem ich lebe. Bi-kulturell sozusagen…

Sajra Tyrbedari, 21 Jahre

Und immer wieder schaute ich in den Himmel, hielt Ausschau nach Flugzeugen und fragte mich, ob mein Vater wohl drin saß. Ob mein Vater uns mit einem Besuch aus Deutschland überraschen würde. Ich fragte mich, ob ich auch mal in einem Flugzeug sitzen würde. Das war schon etwas Geniales. So WOW! Und dann sprang und rannte ich über die Felder und durch die Wälder in der Nähe meines Hauses in Kosovo. Ich werkelte im Garten, hackte Holz und tanzte mit den Schmetterlingen. Ich verbrachte die Tage draußen. Ich fühlte mich frei. Frei, mein Ding zu machen. Und abends kehrte ich zurück nach Hause und schlief direkt auf dem Sofa ein. ….

Lumturije Murseli, 31 Jahre

„La mia scarpa! La mia scarpa!“ Kaum ausgestiegen aus dem Zug, in den ihr Vater sie in Isernia mit den Worten: „Fahr nach Deutschland und bau dir ein besseres Leben auf!“ gesetzt hatte, verlor meine Nonna ihren Schuh. Und fand meinen Nonno. Also, sie lernte ihn kennen, am Bahnhof von Frankenthal. Mit meinem Papa im Bauch kehrten sie zurück nach Italien, mit meinem Papa als Zweijährigen an der Hand wieder zurück nach Deutschland. Mein Papa ist hier groß geworden. In seiner Schule war er der erste und einzige, der von woanders herkam. Das konnte man hören, an der Art, wie er Deutsch sprach. Er wurde ausgegrenzt, beleidigt und in Schlägereien verwickelt. Und er sagte sich: „Ich werde jetzt so gut Deutsch lernen, dass keiner merkt, dass ich Italiener bin!“ …

Linda Libori, 30 Jahre

» Und aus dem Autoradio unserer Oma sang Georgio Gaber immer: „Ich fühle mich nicht italienisch, aber zum Glück und leider bin ich es.“ Er sprach über uns. «

Zitat Lorenzo, 32 Jahre & Cecilia Ponteprimo, 30 Jahre

Ich bin in Nuoro auf Sardinien geboren und aufgewachsen, ein Dorf, indem die Menschen mehr über dich wissen als du selbst. Meine Wurzeln sind gemischt. Ein Teil meiner Familie ist spanisch-kastillisch, ein anderer polnisch und ein weiterer sardisch. In Sassari habe ich Politikwissenschaft studiert. Fast die Hälfte aller Menschen zwischen 20 und 30 Jahren sind aus Sardinien ausgewandert. Leider um genau die gleichen Jobs zu machen, die sie auch auf Sardinien gemacht haben: Kellner:innen, Putzkräfte, Baby- oder Hundesitter. Egal. Aber das ist nicht die Arbeit, wofür sie jahrelang studiert haben. Das ist das Schicksal, dass auch mich erwartete. …

Eliana Catte, 27 Jahre

B-E-G-B-I-E. Ich buchstabiere meinen Namen inzwischen wie meine Eltern. Mein Vorname: GEORGIA, wie das Land. Meine Mutter ist Schottin, mein Vater ist Ire, in Australien aufgewachsen, Sohn einer irischen Mutter und eines australischen Vaters. Meine Eltern lernten sich in Köln während ihres Studiums kennen und beschlossen, an einen Ort zu ziehen, der für beide ein Neuanfang sein würde: die Schweiz.
Dort bin ich geboren, in Ittigen bei Bern aufgewachsen. Ich bin ein Viertel Irländerin, ein Viertel Australierin und halbe Schottin. Viertel, Viertel und halb. Das ist die Rechnung. …

Georgia Begbie, 30 Jahre

Ich war zwölf, als meine Mutter mich mit nach Deutschland nahm. Ich war zu jung, um Nein sagen zu können. Mein Bruder blieb und ich ging mit. Und unser Hund auch. Wir fuhren 24 Stunden lang, durch Rumänien, dann Ungarn, Österreich bis nach Deutschland. Ich habe die meiste Zeit einfach geschlafen. Nur 24 Stunden entfernt von den Erinnerungen an mein Land, meine Stadt, mein Dorf. Ich stellte mir vor, wie mein Leben in Deutschland sein würde. Stellte mir vor, dass wir mehr finanzielle Möglichkeiten hätten, ich mir schöne Kleidung kaufen und meinen Hobbys wie Fußball und Tanzen nachgehen könnte. Ich wachte zwischen voll beladenen Koffern und unserem Hund in Ludwigshafen auf. …

Diana Andreea Vlad, 18 Jahre

» Jede Geschichte ist individuell. Eine erzählt von der Eigenständigkeit, mit der man in einem offenen Europa beruflichen Chancen folgt, eine andere von Hilflosigkeit, wenn man als billige Arbeitskraft ausgenutzt wird, wenn man menschenunwürdig leben muß. Manche Geschichten erzählen von Träumen, die wahr werden können, aber auch von Enttäuschungen. Von Großeltern, deren Sprache man kaum noch versteht, aber auch von dem Wunsch, die eigenen Wurzeln in der Sprache wiederzufinden. Sie erzählen von Dankbarkeit über ein besseres Leben und von Einsamkeit, weil man keine Freunde hat. (…) «

Hier geht es zum ganzen Artikel vom Wochenblatt Ludwigshafen, geschrieben von Ines Campillo